Was mir an der Spackeria nicht gefällt…

By pfuetz, April 10, 2011 18:55

Vorweg: Ich habe auch keine Antworten, aber nach meinen Tweets zur Spackeria und den darauf erfolgenden Reaktionen, insbesondere von http://twitter.com/laprintemps, http://twitter.com/tante und http://twitter.com/korbinian sehe ich mich aufgefordert, hier mein Unbehagen mit der Spackeria darzulegen. http://twitter.com/caevye hat mich außerdem darum gebeten, also erfülle ich ihr den Wunsch!

Vorweg 2: Jan Dörrenhaus hat es im Prinzip schon sehr schön beschrieben, und auch http://twitter.com/senficon sagte es sehr schön.

Daher, und weil ich es auch auf Twitter angekündigt habe, hier nun meine Meinung zur Sache:

Die Spackeria scheint den Anspruch zu erheben, sich zu einer Problematik zu äußern und sie ins aktuelle Bewußtsein zu rücken, von der sie glaubt, daß sie nicht aktueller sein könnte. Das ist mein erster Kritikpunkt. Denn: Zumindest seit Scott McNealy’s Äußerung von 1999: “You have zero privacy anyway, get over it!” ist das Thema ein Thema! Und, wer noch weiter zurückgehen möchte, findet, zwar nicht unbedingt auf das deutsche Datenschutzgesetz gemünzte Äußerungen, so aber doch Überlegungen zu den Auswirkungen des Computers, des Internets oder des “globalen Dorfes” schon bei Joseph Weizenbaum seit den späten 1960′ern, bei Marvin Minsky oder dem Begründer des Begriff des “globalen Dorfes”, Marschall McLuhan.

Konkret lautet also mein Kritikpunkt 1:

Wer eine Welle machen will, sollte sich zumindest auf die berufen oder beziehen, die schon Jahrzehnte vorher sich zu dem Thema geäußert haben.

Kommen wir zum zweiten Punkt: Wenn man die Webseite der Spackeria öffnet, so liest man dort:

Die datenschutzkritische Spackeria
Vereinigung der post-privacy Spackessen und Spackos.

Hier werden sofort zwei Dinge zusammengewürfelt, die im ersten Schritt erstmal per se nichts miteinander zu tun haben: Datenschutz und post-privacy. Und das setzte sich anfänglich in der Argumentation der Spackeria fort. Im Spiegel-Online Interview mit Julia Schramm sagt sie sehr exponiert und sehr früh: “Privatsphäre ist sowas von Eighties.” meint eigentlich aber, daß aufgrund der technischen Entwicklung, und der damit verbundenen “Übergabe” von Daten und damit auch von “Verantwortung” an technische Systeme (Weizenbaum, ick hör Dir trapsen!) heute keine Sicherheit der Daten mehr gewährleistet werden kann (siehe auch Scott McNealy). Hätte sie das etwas anders formuliert, nämlich in Bezug auf die technische Unmöglichkeit des Schutzes von Daten, und nicht als Absage an die Privatspäre, so wäre der ihr entgegengeschlagene Shitstorm sicherlich kleiner und einfacher konterbar gewesen. An anderer Stelle betont Julia aber, daß sie Wert auf Privatsphäre legt, und zwar in der Art, daß sie sich dann einfach der Online-Welt entzieht (Diskussion ab ca. 30:00, genauer Minute 35:39 des unten erwähnten Interviews). Andererseits wird von Julia der Schutz der Privatsphäre negiert (im SpOn Interview), und zwar mit den Worten: “Es mag dann zwar immer noch Platz für Privatspähre geben, im Sinne der Trennung Hannah Arendts von öffentlichem und privatem Raum. Aber sie wird nicht mehr als Schutz notwendig.” (Typos courtesy of SpOn!). Gut, sie sagt, daß die Privatsphäre nicht mehr als Schutz vor dem Öffentlichen benötigt wird (sozusagen als Flucht aus dem Öffentlichen), das wiederum hat dann aber logisch zur Folge, daß, wenn das Private nicht mehr als Schutz vor dem Öffentlichen dient, daß dann auch das Private öffentlich wird, weil es ja nicht mehr als Schutz dient, damit dann auch automatisch nicht mehr schutzbedürftig ist, und somit jeglichem externen Zugriff geöffnet, also öffentlich wird.

Hier erscheint mir also eine Unklarheit und sogar Vermischung der Begriffe vorzuliegen, was die Diskussion erschwert.

Konkret lautet also mein Kritikpunkt 2:

Unsauberer Umgang mit den Begriffen Datenschutz, Privatsphäre und post-privacy.

Die eigentliche Intention der Spackeria erscheint mir zu sein, den Begriff des Datenschutzes und des damit verbundenen Datenschutzgesetzes neu zu definieren. Hier stimme ich vollkommen zu. Die aktuelle Definition des Gesetzes ist überholungsbedürftig! Mit Formulierungen wie: “Aber das heißt noch lange nicht, dass Datenschutzgesetzte aus der analogen Zeit das Internet einschränken müssen.” und SPIEGEL ONLINE: Der Staat soll sich aus der Regulierung des Internets weitgehend raushalten? Schramm: Ja!” fordert sie ja indirekt die pauschale Abschaffung des Datenschutzgesetzes. Das wiederum kann nicht die Grundlage der Diskussion sein, denn es wird so garantiert nicht zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens führen können. Denn viele aus der Spackeria oder ihrer Gefolgschaft scheinen Julia so interpretiert zu haben, daß das Datenschutzgesetz, weil technisch nicht mehr umsetzbar, abgeschafft gehört.

Konkret lautet also mein Kritikpunkt 3:

Nicht sofort die Abschaffung von technisch nicht mehr haltbaren Gesetzen fordern, sondern die Reform der Gesetze fordern.

Nun kam in den letzten Tagen noch ein gemeinsames Interview von Konstantin von Notz (u.A. Sprecher für Netzpolitik der Bundestagsfraktion der Grünen), sowie Julia Schramm, hier für die Spackeria, durchgeführt von Benjamin Stöcker auf politology.de hinzu. In meinen Tweets habe ich laprintemps vorgeworfen, sich aus schwierigen Fragen in für sie typischer Art und Weise rauszuwinden. Ein solches Beispiel habe ich oben schon angeführt (Minuten 30-36), ein für mich weiteres “typisches” Beispiel findet sich im Abschnitt Minute 9-14: Konstantin erwähnt das Problem, daß mit der VDS der Staat Privatunternehmen auferlegen will, Daten für den Staat zu sammeln, aber andererseits die Spackeria das Datenschutzgesetz in seiner jetzigen Form ablehnt, weil damit die Freiheit im Internet gefährdet sei, und das Datenschutzgesetz zur Regulierung dessen, was im Internet passieren kann und darf negativ ausgenutzt werden kann oder soll (Data must flow). Julia stimmt zu, und beantwortet das Problem mit der Forderung nach mehr Möglichkeiten zum anonymen Surfen, äußert sich damit also nicht zur Problematik (das Dentschutzgesetz könnte ein direkter Gegenpol zur VDS sein, und damit sogar als Grundpfeiler einer Initiative gegen die VDS genutzt werden) direkt, sondern sucht einen Weg drumrum. OK, hier mag ich spitzfindig erscheinen, aber Konstantin sagt es anfänglich sehr schön: Das Datenschutzgesetz ist als Gesetz zum Schutz der Verbraucher gedacht, und nicht als staatliches Instrumentarium zur Verweigerung des Zugriffs von Bürgern auf ihre eigenen Daten (was auch immer die sein mögen).

Zu guter Letzt, anschliessend an den direkt hier drüber stehenden Gedanken:

Mir erscheint es so, daß viele derjenigen, die für die Spackeria bloggen, twittern oder sprechen, zwei Dinge verwechseln bzw. gleichsetzen: Datenschützer und das Datenschutzgesetz. Ihr Feindbild sind primär die aus ihrer Sicht “sogenannten Datenschützer”, in der Form der Vertreter und Verfechter des Jugendmedienstaatsvertrags, der Netzsperren oder der Vorratsdatenspeicherung. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der folgenden Formulierung in einem Beitrag von tante auf dem Spackeria Blog: “In der Hinsicht ist die Spackeria für mich zu tiefst aufklärerisch im kant’schen Sinne: ‘Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit’ Unsere Unmündigkeit bleibt so lange bestehen, wie wir Datenschutz nicht mehr kritisch reflektieren und die Probleme mit der Ideologie benennen, Datenschutz zum Dogma erhöhen und die Kritiker der Ideologie diffamieren.” Mit diesem Beitrag packt tante alle, die nicht in der Spackeria sind oder ihren Zielen folgen, zu Dogmatikern des Datenschutes in die Schublade, die er sich selbst von denjenigen gemacht hat, die nicht die Ziele der Spackeria unterstützen. Ähnliches kommt ein paar Beiträge weiter unten dann auch von fasel. Schade dabei ist, daß auf diese Weise eben die Diskussion mit der Spackeria erschwert wird, weil sie eben alle diejenigen ausschließt, die auch nur in Ansätzen eine etwas andere Position vertreten. Dabei haben die von der Spackeria als sog. Datenschützer bezeichneten Leute aber in der Regel nichts mit dem Datenschutzgesetz zu tun, und auch nur selten etwas mit den echten Datenschützern. Wenn diese Pauschalisierung des Feindbildes abgelegt werden würde, wäre eine Diskussion mit der Spackeria sehr viel einfacher, und könnte sicherlich dem gemeinsamen Ziel der Reform und damit der Anpassung des Datenschutzgesetzes auf aktuelle Gegebenheiten und Notwendigkeiten dienen.

Matthias

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5 Responses to “Was mir an der Spackeria nicht gefällt…”

  1. fasel says:

    danke für die Mühe deine Kritik mal zusammenzuschreiben, da will ich auch drauf eingehen:

    Kritikpunkt 1:

    Wir beziehen uns sehr wohl auf Wegbereiter der Debatte:

    http://spackeria.wordpress.com/2011/02/27/marshall-mcluhan-vordenker-der-spackeria/

    http://spackeria.wordpress.com/2011/03/03/die-privatsphare-und-die-datengeschutzte-gesellschaft/

    Ich für meinen Teil verfolge die Datenschutzdebatte schon seit über 10 Jahren. Die Aktualität kommt aus dem Umstand, dass die Debatte feststeckt, bzw Richtung harter Regulierung driftet.

    Kritikpunkt 2:

    Da wirds spannend. Die unsaubere Trennung von Begriffen ist etwas was wir einigen der bisherigen Protagonisten in der Debatte vorwerfen. Der Name ist auch ein Beklagen dieses Umstandes: http://spackeria.wordpress.com/about/

    Natürlich müssen wir uns da an die eigene Nase fassen und auf korrekte Begrifflichkeiten achten. Tun wir natürlich auch nach Möglichkeit. In solchen Interviewsituationen ist das allerdings nochmal extra schwierig.

    Das wir Post-Privacy als Thema mittragen ist gewissen Umständen geschuldet, den meisten (nicht allen) geht es aber deutlich um die Datenschutzkritik (i.S.v. Fehlentwicklung) als Schwerpunkt. Allerdings kann man eine Entwicklung Richtung PP nicht von der Hand weisen. Einerseits sprechen Medientheorien wie z.B. nach McLuhan dafür, deutlicher noch sind die Zustandsbeschreibungen (Kontrollverlust) von @mspro. Eine Debatte ohne diese Realitäten anzuerkennen wäre sinnlos.

    Kritikpunkt 3:

    Dass wir die radikale Abschaffung des BDSG fordern unterstellst du uns, bzw hast du missverstanden. Es muss eine grundlegende Reform geben, da kann man auch mal über eine Welt ohne BDSG nachdenken. Heisst nicht dass wir das fordern, aber man schließt es auch nicht kategorisch aus. Die Kernfrage ist (vereinfacht): Wo besteht der konkrete Schutzbedarf heutzutage?

    Und natürlich strebt man ein *weitestgehend* unreguliertes Netz an, Eingriffe müssen gerechtfertigt und angemessen sein.

    zu guter Letzt:

    die teilweise pauschalisierte Kritik durch uns ist ein valider Kritikpunkt. Die Datenschutzszene ist erstmal nicht der Feind.

    Problem ist, dass soetwas wie der Hang zu einer Einheitsfront herrscht. Da attackiert man eine Aigner oder einen Schaar lieber mal nicht, weil irgendwie sind die ja doch für Datenschutz, egal wie groß der Unsinn grade ist den die vom Stapel lassen. Ein sinngemäßes “Ja, sehe ich ja auch so, aber blos keine Spaltung” habe ich oft genug gehört bisher.

    Wenn die Idee “Datenschutz” von bestimmten Leuten offensichtlich instrumentalisiert wird und man das als Bürgerrechtler (und “echter” Datenschützer) still mitträgt, darf man sich nicht wundern wenn man Kritik mit abbekommt. Mir stößt dieser Umstand sehr sauer auf, spätestens seit der StreetView-Debatte

  2. Robert Conin says:

    Danke Matthias für die gute Aufarbeitung.

    Ich bin 100%tig deiner Meinung, die zugegeben gute Replik von fasel buche ich unter “Die Ausnahme bestätigt die Regel.”
    Im gegensatz zu dir gehe ich noch einen Schritt weiter und unterstelle nicht wenigen der “Spackeria” bewusste Demagogie, Sie wissen was sie tun und sie haben ein Ziel.
    Dass sie dieses nicht publizieren ist mein Hauptkritikpunkt.
    Wenn sie kein Ziel haben, dann ist die ganze Aktion blanke egozentrische Profilneurose.

    Robert

  3. laprintemps says:

    Ich kann da Fasel nur absolut zustimmen.

    Ich finde es dagegen absolut ermüdend, dass mir immer unterstellt würde ich wüsste genau was ich tue. Ich wäre froh darüber ;) Gerade das SpOn-Interview habe ich in größtmöglicher Naivität bestritten. Die Strafe kassiere ich jetzt dafür. Nicht, dass ich es bereue – das tue ich grundsätzlich nicht – aber ich würde es wohl heute anders machen.

    Beste Grüße
    Julia

  4. pfuetz says:

    Julia, danke für die Antwort! Du triffst mit Deiner Anmerkung ja genau das, was ich Euch/Dir (zugegebenermaßen pauschal) vorwerfe: “Naivität”. Wer heute die Fehlentwicklungen kritisiert, sollte nicht so naiv sein, sich einfach so auf ein Interview mit SpOn einzulassen… ;-) Natürlich wissen wir meistens nicht so ganz genau, was wir, und warum wir das, was wir tun, tun, dennoch gehört eine gewisse “Risikoabschätzung” im Vorfeld sicherlich dazu. Daß Du die Reaktionen auf Deinen Artikel sehr gut meisterst (Strafe ist das falsche Wort!), ist unbestritten, und bewundernswert! Und andererseits ist ein unbelastetes Herangehen ja auch erfrischend und hilfreich, denn meistens führt ein zuviel Nachdenken eher zum Nichtstun. Dennoch: Mit Fasels Antwort (auf die ich nicht im Einzelnen geantwortet habe), bin ich nicht 100%-ig “zufrieden”. Die Aussage des “PP Mittragens” kann ich so nicht sehen, dazu steht das zu prominent ganz oben auf der Einstiegsseite. Wenn das, was Fasel hier im Kommentar schreibt, auch so klar und deutlich auf dem Spackeriablog zentral sich wiederfinden würde, wäre auch ich ein Spacko. So aber ist mir das leider zu wischi-waschi…

    Matthias

  5. Avi says:

    Ich denke die Kritik geht in die richtige Richtung. Ich persönlich stoße mich vorallem an dem Begriff post-privacy, der mir viel zu radikal erscheint. Ich denke sowohl Kritik am Datenschutz als auch das bewusste Öffnen gegenüber der Öffentlichkeit als Chance sind valide Denkansätze, deswegen aber nun die völlige Auflösung der Privatsphäre als das neue Heilsversprechen zu umarmen, scheint mir gleich einen ganzen Kindergarten mit dem Bade auszuschütten. Zumal das Motto dieses Kampfes dann doch eigentlich weniger “Immer raus mit den Daten” als mehr “Immer her mit der Toleranz” lauten sollte, um für den freiwilligen Fluss der Daten den Boden gesellschaftlicher Freizügigkeit zu bereiten. Dass es genügt den post-privaten Datenstrom “rauszulassen”, um die Gesellschaft zu verändern, erschiene mir dann doch als arg naive Vorstellung.

    Das Private gehört zum Menschen und ist für seine psychologische Gesundheit notwendig, davon bin ich ziemlich überzeugt. Abgesehen davon, dass es auch bei post-privater Lebensführung schwierig sein dürfte der Privatsphäre zu entgehen. Schließlich filtern wir alle unsere Lebensäußerungen, schon allein um unsere Mitmenschen nicht mit jedem Unsinn, den wir so von uns geben, zu belästigen. Jemand, der das nicht tut, wird vermutlich schnell unfollowed. (Überhaupt was ist mit dem unfollow in dieser schönen neuen Welt? Stell dir vor du bist post-privat und keiner schaut zu!)

    Kurz gesagt es scheint mir völlig übertrieben, die Idee der Auflösung der Privatsphäre vor sich her zu tragen, nur um sich mal über Missbrauch oder Wildwuchs von Datenschutz zu unterhalten oder darüber, was man mit der Öffentlichkeit teilen kann. Die gesellschaftlichen Vorstellungen von dem, was zur Privatsphäre gehört, werden sich immer wieder verschieben. Aber ich bin auch ziemlich sicher, dass es immer Unterschiede in dem Bedürfnis nach Privatsphäre geben wird und dass sich diese auf unterschiedliche Persönlichkeiten und Erfahrungen begründeten Unterschiede nicht durch ein neues Paradigma lösen lassen, sondern es vielmehr weiter einen Aushandlungsprozess zwischen Personen geben wird, die Wege finden müssen, um miteinander auszukommen.

    Post-privacy ohne opt-out nennt man übrigens Überwachungsstaat. Wenn ein reformierter Datenschutz da irgendeine Rolle spielen kann, um das zu verhindern, um so besser.

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